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Das „deutsche“ Südtirol eine Replik zu „Was sind die Südtiroler wirklich?“ von Egon Kühebacher

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Die Verwirrung in Südtirol über die Begriffe „österreichisch“ und „deutsch“ ist unübersehbar. Der ausführliche Artikel von Egon Kühebacher („Dolomiten“ am 27.05.2009) illustriert dies auf markante Weise und trägt leider nicht viel zur Aufklärung bei.

1. Ein zentraler Fehler ist die Gleichsetzung der Begriffe
„deutsch“ und „deutschsprachig“. Anders als vom Autor behauptet, ist
nicht jeder der Deutsch spricht, automatisch Deutscher oder „deutsch“,
ebenso wenig wie jemand, der Französisch spricht, notwendigerweise
Franzose ist. In der kanadischen Provinz Québec beispielsweise ist
Französisch die offizielle Amtssprache, die Einwohner gelten jedoch als
Kanadier und als „kanadisch“, nicht als „französisch“. Für „Englisch“
und „Engländer“ gilt natürlich Analoges. Im heutigen Sprachgebrauch ist
„deutsch“ und „Deutsche(r)“ ausschließlich über die Zugehörigkeit zur
Bundesrepublik Deutschland definiert. Eine Ware, die im
deutschsprachigen München produziert wird, ist eine „deutsche“ Ware;
eine Ware, die im ebenso deutschsprachigen Wattens hergestellt wird,
ist jedoch keine „deutsche“ Ware, sondern eine „österreichische“. Dies
war nicht immer so.

2. Anders als vom Autor behauptet, beginnt die Abgrenzung von
„deutsch“ und „österreichisch“ jedoch nicht erst 1918 oder 1945, also
nach der Abtrennung von Südtirol, sondern bereits wesentlich früher.

Ein erster Meilenstein war 1804 die Gründung des österreichischen
Kaiserreichs, welches, gemeinsam mit einem aus mehreren
deutschsprachigen Fürstentümern bestehenden „deutschen Rest“, aus dem
Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation hervorgegangen ist. Diese
frühe Abgrenzung zwischen „österreichisch“ und „deutsch“ wurde in den
folgenden 141 Jahren bis 1945 von starken Kräften sowohl gefördert als
auch gehemmt. In kultureller Hinsicht beschrieben Schriftsteller wie
Franz Grillparzer oder Hugo von Hofmannsthal in ihren Werken eine
„österreichische“ Identität. Auf politischer Ebene gewann die Idee
einer explizit „österreichischen“ Mission im Alpen-Donau-Raum, in
klarer Abgrenzung zum preußisch geprägten Deutschen Reich, zunehmend an
Gewicht, prominent getragen beispielsweise durch die Thronfolger
Kronprinz Rudolf und Erzherzog Franz Ferdinand („Vereinigte Staaten von
Großösterreich“). Großdeutsche Politik hingegen fand in der Monarchie
wenig Anhänger. Am bekanntesten war vermutlich die Bewegung um Georg
von Schönerer, die die Vereinigung der deutschsprachigen Gebiete der
Monarchie mit dem Deutschen Reich zum Ziel hatte. In ihrer besten Zeit
um 1890 zählte die Bewegung nicht mehr als 1700 Mitglieder, nicht viel
bei knapp 10 Millionen deutschsprachigen Einwohnern im österreichischen
Teil der Doppelmonarchie. Der Begriff „Deutsche“ für die
deutschsprachigen Bewohner der Monarchie war zu dieser Zeit übrigens
noch weit verbreitet – auch in Südtirol; allerdings wurde damit nicht
eine nationale Beziehung zum Deutschen Reich zum Ausdruck gebracht,
sondern eine sprachliche Abgrenzung innerhalb des Vielvölkerstaates.
Die deutschsprachigen Bewohner waren mit einem Anteil von rund 35% im
österreichischen Teil der Monarchie zwar die relativ stärkste
Sprachgruppe, insgesamt betrachtet jedoch eine Minderheit.

Die Stimmung änderte sich 1918 nach der Niederlage im 1.
Weltkrieg. Stark verunsichert orientierten sich viele Österreicher am
immer noch starken Deutschland. Österreich war bereit, seine
Eigenständigkeit Deutschland gegenüber im Tausch gegen Sicherheit und
nationales Prestige aufzugeben. Diese latent vorhandene Grundstimmung
zieht sich wie ein roter Faden bis März 1938. Rückblickend sollte dies
nicht verwundern, schließlich wurde Österreich von den Siegermächten zu
einem der territorial kleinsten Länder der damaligen Welt gestutzt. Es
war erst der Verlust seiner geopolitischen Größe 1918, mithin auch der
Verlust Südtirols, der Österreich an sich selbst zweifeln ließ und in
eine tiefe Identitätskrise – „österreichisch“ versus „deutsch“ –
stürzte.   

      Was war in diesen Zeiten die Position Südtirols?

   3. Anders als vom Autor behauptet, war die Position Südtirols nie „deutsch“, sondern immer „österreichisch“ orientiert (**):

  • 1804 hatte das Gebiet des heutigen Südtirol als Teil des
    Kronlandes Tirol und Vorarlberg einen klaren Platz im neugebildeten
    österreichischen Kaiserreich inne und nicht im „deutschen Rest“.
  • Als 1805 das Gebiet des heutigen Südtirol vom Königreich
    Bayern (das dem „deutschen Rest“ zugehörig war) und Frankreich aus der
    österreichischen Monarchie gerissen wurde, war dies mit viel Schmerz
    verbunden. Die Erleichterung über die endgültige Rückkehr zum
    österreichischen Kaiserreich zehn Jahre später war entsprechend groß.
  • 1871 formierte sich der „deutsche Rest“ unter der
    Federführung Preußens zum mächtigen Deutschen Reich. Südtirol blieb bei
    der österreichischen Monarchie und zeigte auch nie „(groß)deutsche“
    Regungen(*).
  •  Bis ganz zum Ende 1918 kämpfte Südtirol mit großem Einsatz
    und Loyalität für die „österreichische“ Sache. Die Tiroler Kaiserjäger,
    der auch viele Südtiroler angehörten, waren eine
    Infanterie-Eliteeinheit, die an zahlreichen Kriegsschauplätzen, auch
    fern von der Italienfront, zum Einsatz kam.
  • Österreich wiederum setzte sich unmittelbar nach Kriegsende
    1945 mit seiner ganzen Kraft für Südtirol ein. Und dies auf
    uneigennützige Weise. Die von den Alliierten angebotenen „minor
    rectifications“ der Südtirolgrenze zugunsten Österreichs, vor allem am
    Reschenpass und am Toblacher Feld, wurden von Österreich großmütig
    abgelehnt. Indem Österreich auf seine Ansprüche auf Südtirol
    verzichtete, ermöglichte es mit dem Gruber-de Gasperi-Abkommen erst die
    Grundlage der Autonomie für Südtirol. Als Italien großen Versprechungen
    keine Taten folgen ließ, bemühten sich Österreich und Südtirol
    gemeinsam mit viel Beharrlichkeit erfolgreich um die Umsetzung der
    Autonomie. Gemeinsam wurde dabei der beträchtliche Widerstand Italiens,
    das sich anfänglich jede Einmischung in „innere Angelegenheiten“
    verbat, überwunden.


Es ist bedauerlich, dass es an all diesen Österreich-Bezug
im heutigen „deutschen“ Südtirol keine Erinnerung mehr zu geben
scheint.              

Rüdiger Schweigreiter, A-6063 Rum      

Als
Lektüre zur Thematik „deutsch versus österreichisch“ wird das Buch
„Österreich“ des Briten Gordon Brook-Shepherd, erschienen im
Zsolnay-Verlag, empfohlen (ISBN-10: 3552048766).

(**)Die Zeit zwischen 1933 und 1945 soll hier nicht
ausgeblendet werden. In der Tat sympathisierten viele Südtiroler mit
Hitler-Deutschland. Rückblickend sollte man dies in einem größeren
Kontext sehen. Pro-deutsche Strömungen gab es aus den
unterschiedlichsten Gründen in dieser Zeit nicht nur in Südtirol und
Österreich, sondern beispielsweise auch in England, Frankreich oder der
Ukraine. Der ideologisch-politische Einfluss des Deutschen Reichs auf
ganz Europa war enorm und in vielen Regionen das bestimmende Element.
Da Österreich in einer tiefen Krise steckte – und niemand wusste, ob es
diese je überwinden könnte – mag das Deutsche Reich für Südtirol als
nationaler Bezugspunkt fungiert haben. Vielleicht nach dem Leitsatz
„Besser noch ein deutscher Nationalismus als ein italienischer
Faschismus“. Bekannterweise hätte die Enttäuschung größer nicht sein
können.

(*) Die Texte, welcher unter der Rubrik "Gastbeiträge" veröffentlicht werden, geben nicht immer die Meinung der SÜD-TIROLER FREIHEIT wieder.

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