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Buchbesprechung von Dr. Margareth Lun: Georg Klotz – Freiheitskämpfer für die Einheit Tirols

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In kann mich genau erinnern, wie ich das erste Mal die Biografie von Jörg Klotz gelesen habe. Es war im Oktober 2002 und ich lag gerade mit einer Grippe im Bett. Ich war schon ganz neugierig drauf, und nun hatte ich endlich Zeit, mit dem Lesen zu beginnen. Dass mich dieses Buch aber dermaßen fesseln würde, das hätte ich mir vorher nicht vorstellen können. Ich las und las und las … den ganzen Tag, den ganzen Abend, bis in die Nacht. Ich konnte einfach nicht mehr aufhören. Und ich las, bis das Buch fertig war.

Als mich Elmar Thaler vom Verlag Effekt! und Eva Klotz heuer im Frühjahr
fragten, ob ich bereit wäre, die Neuauflage des Buches zu lektorieren,
da sagte ich natürlich nicht nur gleich erfreut zu, sondern es war für
mich auch eine gewisse Ehre, mit dieser Aufgabe betraut zu werden.

Etwas, was mich gerade als Historikern an dieser Biografie besonders
fasziniert hat, ist, wie es der Autorin gelungen ist, dieses Buch über
ihren Vater so kurzweilig, über weite Strecken fast in Romanform zu
schreiben, und doch inhaltlich historisch korrekt und mit einer ganzen
Fülle von Hintergrundinformationen.

Nicht lehrmeisterlich, aber doch aufschlussreich und zugleich leicht
verständlich ist die politische und historische Situation dargestellt,
in der sich Südtirol in den 50er und 60er Jahren befand.

Durch die direkte Rede der einzelnen Beteiligten, die häufig als
gestalterisches Element in den Text eingebaut ist, ist man als Leser
plötzlich mitten drin im Geschehen: Man lebt und erlebt mit, man denkt
mit, und es gelingt einem, sich in die Denkweise von Männern
hineinzuversetzen, die den bei Gott unbequemsten Weg gewählt haben, um
ihrer Heimat zu dienen: jahrelang auf der Flucht, der Verzicht auf ein
Leben mit der eigenen Familie, von vielen angefeindet, fern jeder
Bequemlichkeit, und oft einsam und allein.

Da ist man als Leser dabei, wenn Jörg Klotz Bunker und Verstecke für
sich und seine Waffen baut, und man fiebert mit, wenn die Familie noch
nicht weiß, ob der Vater heil davongekommen ist, als der Unterschlupf in
Walten verraten und von der Polizei gesprengt wird. Man verfolgt
aufmerksam mit, wie Jörg Klotz in Linz sage und schreibe 14 Tage im
Hungerstreik ist, um die Willkür der österreichischen Exekutive ein für
allemal in die Grenzen der Gesetzmäßigkeit zu weisen, und man erlebt
seine Zerrissenheit, als ihm ein Friedensangebot unterbreitet wird.

„Wie leicht und gut hätte er es daheim in Walten haben können. Er
hätte als Schmied und Sägewerksbesitzer sein Auskommen gehabt“, schreibt
die Autorin bereits in der Einleitung, und sie stellt sich die Frage:
„Was trieb diesen Mann in den ungleichen Kampf, in eine solche
Situation, verfolgt von einer ganzen Staatsmacht, gejagt von einem
ganzen Heer und gefürchtet von ganz Italien!“

Eva Klotz hat mit diesem Buch Geschichte aufgeschrieben, die gar
nicht objektiv sein kann. Es ist aber Geschichte, die authentisch ist, –
die Erlebnisse der Tochter, der Familie, die einen Vater hat, der so
ganz anders ist als alle anderen Väter; ein Vater mit einem unglaublich
starken Charakter, ein Vater, der letztlich aber auch seine Familie dem
Kampf um die Freiheit der Heimat opfert. Die Familie bewundert ihn, auch
wenn dieses Leben ihr viel Verzicht abverlangt, Angst, dass der Vater
entdeckt oder verraten werden könnte, und die Ohnmacht, ihm nicht
helfen, nicht nahe sein zu können, wenn er in Not, verlassen und allein
ist.

Eva Klotz begibt sich zu Beginn des Buches auf die Spuren des
Vaters, der am 11. September 1919 geboren wurde, nur wenige Stunden,
nachdem die Friedensmächte in Saint-Germain die Zerreißung des Landes
Tirol und die Angliederung des südlichen Teils an Italien beschlossen
hatten. Sie verschweigt nicht die Fasziniation ihres Vaters für
Hitlerdeutschland, und zeigt auf, dass seine Hoffnungen bereits im
Krieg, in dem er schwer verwundet wurde, zerschlagen wurden.

Eva Klotz gibt Einblick in den unglaublichen Einsatz, den er für den
Wiederaufbau des Schützenwesens investiert, das nach Jahrzehnten von
Faschismus und Krieg zum Erliegen gekommen ist, aber auch in ganz
private Momente: Wie er auf einer Zugfahrt seine spätere Frau Rosa
kennen gelernt hat, er im Trachtenanzug und sie im Dirndl, wie sie
endlich heiraten können – sie werden die ersten im Passeiertal sein, die
wieder in Tracht heiraten –, und über die Familie.

Eva Klotz beschreibt, wie und warum seine Entscheidung gefallen ist,
zum Mittel der Gewalt zu greifen, über den Beginn seiner
Kampfhandlungen, und wie er zu Italiens Staatsfeind Nummer eins wurde.

Bemerkenswert ist, wie sachlich es der Autorin gelingt, über
Personen zu schreiben, die sich als Spitzel anwerben ließen, über
Agenten, die nicht nur Jörg Klotz, sondern auch seiner Familie größten
Schaden zugefügt haben, wie etwa Anton Platter aus St. Martin in
Passeier, der Rosa Klotz, Dr. Karl Frötscher und Rudl Marth ins
Gefängnis gebracht hat, und über Spione, die letztendlich auch das Leben
seines besten Freundes Luis Amplatz auf dem Gewissen haben, wie die
Brüder Kerbler.

Etwas vom Spannendsten im ganzen Buch sind wohl die vierzig Seiten,
in denen Eva Klotz die Flucht ihres Vaters beschreibt, nachdem er in
einem Heugaden auf den Brunner Mahdern um Haaresbreite dem Mordanschlag
entgangen ist. Aufgrund der Erinnerungen und der Aufzeichnungen ihres
Vaters sowie der Verwandten ihrer Mutter, die ihn auf dieser Flucht ein
Stück des Weges begleitet haben, rekonstruiert sie in den kleinsten
Details den 42 Stunden dauernden Gewaltmarsch bis über die rettende
Grenze: mit seiner schweren Schussverletzung, mit lädierten Armen, nach
vielen schlaflosen Nächten, die italienischen Verfolger mit
Hubschraubern und Suchhunden im Nacken! Unvorstellbar, unglaublich, dass
ein Mensch das schafft! Doch am Ende dieses furchtbaren Leidensweges
stand nicht der Tod, sondern das Leben. Für ihn bedeutet diese Flucht
eine entscheidende Wende. Was in den kommenden, den ,österreichischen
Jahren‘, geschah, was seine Haltung, seine Gesinnung betraf, ist nur zu
verstehen, wenn man sich vergegenwärtigt, was während dieser
zweiundvierzig Stunden in Jörg Klotz vor sich gegangen ist.

Besonders beeindruckend ist aber auch, auf welche Art und Weise Eva
Klotz ihrer Mutter, Rosa Pöll mit diesem Buch ein Denkmal gesetzt hat:
überaus feinfühlig – und doch mit einer solchen Aussagekraft, wie es
wohl nur eine Tochter tun kann, die zwar von ihrem Vater Kampfgeist und
Durchhaltevermögen geerbt hat, – der aber die Mutter an jedem Tag
vorgelebt hat, im Alltag unter oft widrigsten Verhältnissen Stärke zu
zeigen, Rückgrat zu haben, sich nie den Mund verbieten zu lassen und nie
aufzuhören, auf das Recht zu pochen.

Wer hier liest, wie sie als alleinerziehende Mutter, den Mann im
Untergrund, im Exil oder im Gefängnis, für die Familie gesorgt hat, wie
sie als Lehrerin fast zur Gänze allein für deren Lebensunterhalt
aufkommen musste, in x Hausdurchsuchungen und Schikanen von der
italienischen Polizei drangsaliert wurde, wer erfährt, wie Rosa Klotz
als sechsfache Mutter vierzehn Monate und zehn Tage eingesperrt war,
während ihre Kinder – das Jüngste erst fünf Jahre alt – auf Verwandte
und Bekannte aufgeteilt werden, der kann nicht anders als tief
beeindruckt zu sein, wie diese Frau ihr Leben gemeistert hat.

Aber der Leser erhält auch eine leise Ahnung, was die Kinder in
dieser Zeit mitgemacht haben. Wenn Eva Klotz erzählt, wie sie als
15-Jährige in Passeier die jüngeren Geschwister zusammenbringen, die
Fahrt organisieren und jedes Mal die Bewilligung beim Bozner Gericht
beschaffen muss, damit die Kinder nach einer nervenaufreibenden,
demütigenden Prozedur endlich für 30 Minuten im Bozner Gefängnis ihre
Mutter besuchen dürfen, und welche Tragödie, welche Qual jedesmal der
Abschied ist, dann geht das einfach unter die Haut.

In der Zwischenzeit hat aber auch Jörg Klotz in Österreich mit
größten Schwierigkeiten zu kämpfen. Der offiziellen Politik sind
Südtirolaktivisten nicht mehr genehm, weil Österreich in die Europäische
Gemeinschaft drängt und sich von Italien unter Druck setzen, wenn nicht
gar erpressen lässt. Das geht nicht nur so weit, dass Jörg Klotz zu
einem Zwangsaufenthalt mit täglicher Meldepflicht in Wien verdonnert
wird, sondern es kommt sogar zur absurden Situation, dass wohlgemerkt
das österreichische Heer an der italienische Grenze Soldaten
positioniert, die auf Freiheitskämpfer schießen sollen, wenn diese
illegal die Grenze passieren wollen.

Jörg Klotz hat in Österreich nicht nur Kampfgefährten, sondern er
findet auch gute Freunde, Menschen, die es gut mit ihm meinen und die
ihm helfen, so etwa Joschy Felder, dessen Tante Rosa Winkler in Absam,
bei der er wohnen kann, und viele andere.

Aber das quälende Heimweh wird er trotzdem nie los. Im Juli 1963
wird er zum letzten Mal sein Haus in Walten betreten, und im Juli 1965
das allerletzte Mal Südtiroler Boden.

Anfang Jänner 1965 entsteht das letzte Familienfoto, auf dem niemand
fehlt. Später werden immer wieder Rosa Klotz mit einigen Kindern oder
auch ein paar ältere Kinder allein den Vater besuchen, aber in den
späteren Jahren wird es sich nie mehr ergeben, dass alle beisammen sind.

Im Ruetztal, das zur Gemeinde Telfes im Stubaital gehört, gelingt es
Jörg Klotz noch, eine Waldarbeiterexistenz aufzubauen, aber es ist
alles nur eine Notlösung. Nicht einmal 57 Jahre alt, stirbt er, allein,
auf dem Weg zwischen seiner Blockhütte und dem Tal, an einer
Lungenembolie. Erst als Toter darf Jörg Klotz wieder heim in seine
geliebte Heimat. Schützenabordnungen nehmen den Sarg am Brenner in
Empfang und begleiten ihn bis nach St. Leonhard, wo er unter Anteilnahme
einer riesigen Menschenmenge bei dichtem Schneetreiben beigesetzt wird.

Das Bild, das Eva Klotz in diesem Buch von ihrem Vater zeichnet, ist
ein sehr feinfühliges. Es ist ein Bild, das sich vermutlich erst beim
Entstehen dieses Buches, durch die zusätzlichen Recherchen und das
Niederschreiben der eigenen Erinnerungen in dieser Detailgenauigkeit
herauskristallisiert hat. Die Autorin ist stolz auf diesen Vater, der
eine unglaubliche Willensstärke hat, der wissbegierig und belesen ist,
opferbereit und unbeugsam. Aber sie verschweigt auch nicht seine Fehler
und seine Schwächen. Jörg ist oft nervös, er ist ein Kettenraucher, er
verlangt seiner Frau, seinen Kindern größte Opfer ab, und vor allem ist
er oft zu vertrauensselig und hat eine schlechte Menschenkenntnis.

Die Biografie über Jörg Klotz ist auf jeden Fall ein Buch, das einen bleibenden Eindruck hinterlässt.

Diese vorliegende Neuauflage ist etwas erweitert, vor allem aber
finden sich darin neue, bisher unbekannte Fotos, aber auch
aufschlussreiches Kartenmaterial über das Operationsgebiet und die
Fluchtwege sowie über seine Aufenthaltsorte in den Jahren 1960 bis 1976.

Mein Dank gilt vor allem der Autorin, dass sie sich die Mühe gemacht
hat, das mittlerweile vergriffene Buch zu überarbeiten und zu ergänzen,
aber auch dem Verlag Effekt!, dass er die Biografie neu herausgebracht
und so wieder einer interessierten Leserschaft zugänglich gemacht hat.

Margareth Lun

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