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1. Todestag – Gedenken an Francesco Cossiga: Er gab einen Anstoß zur Selbstbestimmungs-Debatte

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Am 17. August jährt sich der Todestag des ehemaligen Staatssekretärs, Innenministers, Ministerpräsidenten, Senatspräsidenten, Staatspräsidenten und Senators auf Lebenszeit, Francesco Cossiga. In Südtirol erregte Cossiga im Jahre 2006 Aufsehen, als er im italienischen Senat einen Gesetzesentwurf „zur Anerkennung des Selbstbestimmungsrechtes des Landes Südtirol – Autonome Provinz Bozen“ vorlegte. Darin hieß es: „Dem Volk des Landes Südtirol-Autonome Provinz Bozen wird das Recht zur Selbstbestimmung eingeräumt.“

Dem Cossiga-Vorschlag zufolge sollten die Südtiroler bei einer
Volksabstimmung die Wahl zwischen Verbleib bei Italien, einem
unabhängigen Freistaat Südtirol und dem Anschluss an Österreich haben.
Damit führte Cossiga, der zu der SVP offenbar aufgrund eines früheren
Abstimmungsverhaltens in Rom in kritischer Distanz lebte, die offizielle
Südtiroler Landespolitik auf offener Bühne entblößt vor. Die Südtiroler
Volkspartei (SVP) und deren Spitzenpolitiker mussten in der
Selbstbestimmungsfrage öffentlich den Offenbarungseid schwören. Sie
lehnten prompt jegliche Diskussion und Standortbestimmung in der
Selbstbestimmungsfrage ab. Landeshauptmann Dr. Durnwalder bezeichnete
den Cossiga-Vorschlag als „ironische Aussage oder Provokation“.

Der SVP-Obmann Pichler Rolle gab am 6. Juni 2006 die offizielle
Stellungnahme für seine Partei ab: Zwar sei das Selbstbestimmungsrecht
unverzichtbar, doch liege die Zukunft Südtirols im Ausbau der Autonomie
und in der Zusammenarbeit in der „Europaregion“.

Dr. Eva Klotz und Jugendkoordinator Sven Knoll von der SÜD-TIROLER
FREIHEIT nahmen die Cossiga-Initiative jedoch zum Anlass, eine breite
öffentliche Diskussion über das „Los von Rom“ zu führen.

Als Cossiga starb, flossen am 18. August 2010 die Tränen der Südtiroler
Spitzenpolitiker dick aus den Spalten der „Dolomiten“. Die
Landespolitiker priesen den Toten nun als „großen Freund Südtirols“.
Durnwalder erklärte, Cossiga sei „immer zu Südtirol gestanden“ und sei
„ein persönlicher Freund“ gewesen.

Bemerkenswert und glaubwürdig war die Äußerung des italienischen Bozner
Bürgermeisters Spagnolli: „Ich teile seine Ansicht, dass die Südtiroler
selbst über ihr Schicksal entscheiden sollen!“

Eine Ansicht, die zwar nicht von allen Spitzenpolitikern, aber wohl von den meisten Südtiroler Bürgern geteilt wird.

Kurzer politischer Lebenslauf: Der gebürtige Sarde hatte seine
politische Karriere in der „Democrazia Cristiana“ (DC) gemacht. Er hatte
während der Zeit des „Kalten Krieges“ auch mit düsteren Geheimnissen
des italienischen Staates zu tun: Von seiner Beteiligung an der
NATO-Geheimarmee „Gladio“ bis hin zu seiner Rolle bei der Ermordung
seines politischen Gönners, des Ministerpräsidenten Aldo Moro. Cossiga
hatte als Innenminister unter dem Druck der USA strikt jegliche
Verhandlung mit den „Brigate Rosse“-Entführern verweigert, bis diese
ihre Drohung wahr machten und Moro ermordeten. Seine damalige
Entscheidung hat Cossiga nach eigenen Aussagen über Nacht seine weißen
Haare eingebracht und ihn sein restliches Leben lang seelisch belastet.

Nach seinem Bruch mit der „DC“ verweigerte er die Mitgliedschaft in der
Berlusconi-Partei „PdL“. Stattdessen gründete er hintereinander zwei
wenig erfolgreiche bürgerliche Parteien, dann blieb er parteilos.

Cossiga war Zeit seines Lebens sardischer Patriot. 2006 brachte er im
Senat ein Verfassungsdekret zur Anerkennung der „Nazione Sarda“ – der
„Sardischen Nation“ ein.

Roland Lang

Leitungsmitglied der SÜD-TIROLER FREIHEIT

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