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60er Jahre: "… es kam in einigen Fällen zu Misshandlungen …"

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Sehr geehrter Landeshauptmann Durnwalder, ich habe das Buch „Tirol Südtirol Trentino – Ein historischer Überblick“ von Carlo Romeo gelesen, welches Ende 2012 / Anfang 2013 herausgegeben wurde. In der Einleitung werben Sie für die „Europaregion Tirol“. Sicherlich haben Sie das Buch nicht gelesen, denn sonst kämen Sie nicht zu der Schlußfolgerung, dass es dem Autor gelungen sei, „mit wissenschaftlicher Strenge“ die enge Verbindung der drei Länder geschichtlich darzustellen.
Bereits die „Grußworte“ enden mit einem dicken Patzer: Lorenzo Dellai wird als Landeshauptmann der Autonomen Provinz Bozen Südtirol ausgegeben. In diesem Buch werden die bedrückende Situation der Südtiroler zwischen 1921 und 1972 verharmlost und wichtige geschichtliche Ereignisse fallen gelassen oder „weichgespült“. Wie ist Südtirol an Italien gefallen? -Der „Bozner Blutsonntag“ wird namentlich nicht erwähnt und das 31-Punkte-Programm von Ettore Tolomei zur Assimilierung der deutschen Südtiroler verschwiegen. Auf die berüchtigte Rolle der „Ente nazionale per le Tre Venezie“ wurde nicht eingegangen. Es wurde kein Wort verloren, dass die italienischen Faschisten die Guthaben aller Fürsorge-, Wohlfahrts- und Erziehungsanstalten, Sport- und Kulturvereine sowie alle Schutzhütten konfisziert haben. Das Wirken von Ettore Tolomei, dem „Totengräber Südtirols“, findet keine Erwähnung.

In diesem Buch gibt es viele subjektive Bewertungen. Anbei ein paar Beispiele:

-Seite 37: „Andreas Hofer, Wirt aus dem Passeiertal, wurde zum „Helden“ dieser kurzen, insgesamt unglücklichen Erhebung.“
-Seite 44: „Am 29.September erhielt Hofer als Anerkennung vom Kaiser eine goldene „Ehrenkette“…“
-Seite 72: „Der Tiroler Frontabschnitt war insgesamt von zweitrangiger Bedeutung,…“
-Seite 76: „Der Einzug der italienischen Truppen wurde mit Erleichterung begrüßt,…“
-Seite 107: „Ab 1953 war im einheimischen politischen Diskurs immer häufiger die Rede vom Todesmarsch, in den die italienische Regierung die Südtiroler treibe, nicht zuletzt dadurch, dass sie mit allen Mitteln die Zuwanderung weiterer Italiener ins Land fördere. Dieses Phänomen war nach dem Krieg in der Tat gegeben, allerdings nicht in der von den deutschen Südtirolern vermuteten Dichte.“*
-Seite 109: „Bei den mit großer Härte geführten Verhören kam es in einigen Fällen zu Misshandlungen;…“
-Seite 112: „Die Attentate hatten das Ziel, eine politische Lösung nach Möglichkeit zu verhindern.“

Wenn heutzutage das offizielle Italien die „Befreiung vom Faschismus“ feiert, dann offenbart sich die zwiespältige Betrachtung vieler Italiener zur Geschichte. Auf jeden Fall ist damit nicht der italienische Faschismus gemeint. -Südtirol ist der Exerzierplatz der italienischen Faschisten. In keiner Region Europas gibt es so viele faschistische Gebäude / Denkmäler! Davon steht nichts in diesem Buch.

Der Autor dieses Buches läßt dem Leser auch über die bestehenden Probleme mit der Brennergrenze im Unklaren: Während Rom jede Zusammenarbeit zwischen Süd- und Nordtirol argwöhnisch beäugt und es jetzt noch hinderliche Gesetze gibt, nutzt die Landesregierung in Bozen nicht alle Möglichkeiten für ein Zusammenwachsen dieser Region aus. Der Jugendaustausch ist ein Stiefkind. Bozen zieht im Bildungsbereich eine Zusammenarbeit mit italienischen Universitäten vor. Es ist für ein Betrieb ein gravierender steuerlicher Unterschied, ob sich dieser in Nord- oder Südtirol befindet.

Zusammenfassend kann man sagen, dass dieses Buch viele Mängel aufweist und eine Fehlinvestition für das Land Südtirol ist.

Mit freundlichen Grüßen

Wolfgang Schimank
Berlin, den 22.05.2013

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