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Südtirol ist ein mediales Notstandsgebiet!

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Hans Stieler, ehemaliger und mittlerweile leider verstorbener Freiheitskämpfer, der in den 1950er Jahren beim Verlag Athesia angestellt war, berichtete mir einmal von einem persönlichen Gespräch mit Toni Ebner, das sich im Jahr 1958 zutrug. Hans Stieler zitierte Toni Ebner mit den Worten: „Wer die Medien hat, hat die Macht“. Es war gerade einmal zwei Jahre her, dass Toni Ebner die Leitung des Verlagshauses Athesia sowie den Posten des Chefredakteurs der Tageszeitung „Dolomiten“ übernommen hatte.

Das Ganze ist nun schon bald 60 Jahre her, doch es bietet sich die Frage an: Was ist aus dieser „Unternehmensphilosophie“ der „Dolomiten“ geworden? Das „Tagblatt der Südtiroler“, so wie sich die Zeitung selbst nennt, ist mehr denn je de facto das „Tagblatt der Südtiroler Volkspartei“: SVP- und somit überwiegend romgefällige Berichterstattung sind dort an der Tagesordnung. Jetzt in der Wahlkampfzeit macht sich dies freilich besonders bemerkbar. Da werden „wissenschaftliche Experten“ bemüht, die die Selbstbestimmung als „unrealistisch“ und „rechtlich unmöglich“ abtun, während die Befürworter der Selbstbestimmung diffamiert werden und in einer Replik dann nur sehr dürftig zu Wort kommen dürfen. Da werden medienwirksam SVP-Kandidaten präsentiert – beliebtestes Motiv: Bandl durchschneiden – und es wird so getan, als sei der Sieg der SVP „a gmahte Wiesn“. Politische Mitbewerber außerhalb der offiziellen Werbeanzeigen muss man mit der Lupe suchen, sofern sie nicht völlig konsequent gemieden werden. Leserbriefe werden zensiert, weil diese zu SVP-kritisch sind oder weil laut Richtlinien der Leserbriefredaktion jeder Autor nur einmal im Monat zu Wort kommen darf.

Doch gibt es für diese Richtlinie eine Reihe von Ausnahmen: So kamen im Monat September insgesamt zehn Autoren zweimal zu Wort, und drei sogar dreimal. Eine dreimalige schriftliche Anfrage bei der Leserbriefredaktion, wie derartige Ausnahmen zu erklären seien, blieben ohne Antwort. Eine andere Richtlinie der Leserbriefredaktion besagt, dass die Leserbriefe nicht mehr als 1200 Anschläge umfassen dürfen. Ebenfalls im September (10.09.) ist jedoch ein Leserbrief von einer gewissen altoatesinisch-römischen Blondine namens Michaela Biancofiore ins Auge gestochen, der sage und schreibe 1780 Anschläge – also fast die Hälfte mehr als eigentlich erlaubt – umfasste. Worum es da ging? Um die Toponomastik! Natürlich dürfen bei einem derart für die Südtiroler, doch keineswegs für die Italiener ach so unwichtigen Thema die römischen Freunde des Tagblattes der Südtiroler Volkspartei nicht zu kurz kommen. Auch in diesem Fall kam auf eine dreimalige schriftliche Nachfrage, warum denn Frau Biancofiore in den Genuss dieser Ausnahme gekommen ist, keine Antwort. Hat sie dafür weiße Friedensblumen gespendet?

Südtirol ist ein mediales Notstandsgebiet. Wie lange noch? Wer die Medien hat, hat die Macht. Doch diese Macht können wir brechen. Wir alle, die wir die seichte, oberflächliche, tendenziöse, auf Ignorieren, Halbwahrheiten und Bevormundung ausgerichtete Berichterstattung satthaben. Die Leserschaft, besonders die junge, wird zum Glück immer mündiger und nimmt nicht einfach mehr alles hin, was ihr im Tagblatt der Südtiroler Volkspartei Tag für Tag vorgesetzt wird. Auch informieren sich immer mehr Leute über das Internet. Und das ist gut so! Das Tagblatt der Südtiroler Volkspartei läuft Gefahr, bald nur noch für jene Leser eine Art Zweitbibel zu sein, die den Anschluss verpasst haben. Presse- und Meinungsfreiheit der Printmedien und damit seriöse, fundierte und ausgewogene Berichterstattung ist in Südtirol wie in Italien zwar immer noch ein Fremdwort, aber es lebe das freie Internet! Es lebe das freie Tirol!

Cristian Kollmann

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