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Interview mit Josep Maria Calabuig aus Katalonien

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Roland Lang von der SÜD-TIROLER FREIHEIT traf den katalanischen Dipl.-Ing. Josep Maria Calabuig zu einem Interview. Der studierte Kartograph, Geodät und Städtebauer sprach mit Lang über die Ursprünge Kataloniens, die Zeit der Franco-Diktatur, die Abdankung von König Juan Carlos, die Unabhängigkeitsbestrebungen seiner Heimat, das Selbstbestimmungsrecht, über Pep Guardiola und Andreas Hofer…

Was ist für Sie Spanien?

“Spanien”war früher, in der Zeit des antiken Roms, ein geographischer Name für die iberische Halbinsel. Die römischen Legionäre und ihr Konsul Catónannten so die Pyrenäen-Halbinsel. Jahrhunderte später haben die Kastilier diesen alten Ortsnamen manipuliert und für Kastilien und die anderen Länder, welche sie kolonisieren wollten (zB. Galicien-Portugal, Baskenland, die katalanischen Länder, usw.) benutzt. Portugal hatte Glück und konnte unabhängig von Kastilien bleiben.

Wo liegt der Ursprung von Katalonien?

Der Ursprungsort von Katalonien, bzw. der katalanischen Grafschaften, liegt am Rande der Pyrenäen, nicht nur im Süden sondern auch im Norden davon (Rossellon). Zu unserem Leidwesen wurde im Jahr 1658 Katalonien geteilt. Nordkatalonien gehört heute noch zu Frankreich. Das katalanische Volk wurde stark von den Römern und den Franken beeinflusst.

Wie erging es den Katalanen unter der faschistischen Franco-Diktatur? Ortsnamen, Sprache, Kultur, usw.? Welche Ortsnamen sind heute in Katalonien amtlich?

Unter der spanisch-faschistischen Franco-Diktatur wurden die katalanische Sprache und Kultur verboten und brutal unterdrückt, genau wie bei der Regierung der Bourbonen (Felipe V. usw.). Alle katalanischen Ortsnamen wurden hispanisiert. Heute benutzt die spanische Verwaltung noch immer die kastilischen Ortsnamen, obwohl theoretisch die katalanische Sprache in Katalonien amtlich ist und die katalanischen politischen Parteien die Mehrheit im katalanischen Parlament haben. Die spanisch politischen Parteien, sowohl rechte als auch linke, haben die Amtlichkeit der katalanischen Sprache in der Europäischen Gemeinschaft abgelehnt, obwohl es mehr als elf Millionen Menschen gibt, welche Katalanisch sprechen.

In Spanien gibt es zurzeit einen Königswechsel. Wie beurteilen Sie die Regierungszeit von Juan Carlos bzw. was erwarten Sie vom neuen König Felipe von Spanien?

Die fast 40 Jahre der Regierungszeit von König Juan Carlos I. waren nichts besonderes. er war ein Schmeichler des Franco-Diktators und vertrat neben der spanischen Verfassung die Prinzipien des alten faschistischen Diktators. Dieser Bourbone war einfach eine Marionette des Diktators. Vom neuen König Felipe VI. erwarte ich nichts. Er sollte aber die Entscheidung des katalanischen Volkes respektieren. 1412 starb der letzte katalanische Graf-König (Martíl´Humá) ohne Nachwuchs. Seither haben die Kastilier immer versucht uns zu hispanisieren, zuerst mit ausländischen, bzw. kastilischen, Königen (die Trastamara) in unserer Regierung, und später mit der Armee uns zu erobern, gemeinsam mit den Franzosen (Bourbonen Zeit).

Wie groß ist Katalonien, wie steht es wirtschaftlich da und was verlangen die Katalanen?

Die katalanischen Länder, bzw. Principat von Katalonien, Land Valencia und die Balearen, haben mehr als elf Millionen Einwohner und eine Fläche von 70.520 Quadratmeter. Wir verlangen unser Selbstbestimmungsrecht, bzw. ein Unabhängigkeitsreferendum. Wirtschaftlich haben die Kastilier (jetziges Spanien) immer unsere Wirtschaft geschwächt, egal was für eine spanische Regierung an der Macht war. Spanien behandelt Katalonien wie eine Kolonie. Deswegen sind viele Katalanen ausgewandert. Mehr als 20.000 Millionen Euro wandern jedes Jahr nach Madrid ohne Gegenleistung. Immer in die selbe Richtung. Das ist keine Solidarität! Es ist einfach eine Form von Diebstahl. In Deutschland waren früher die süddeutschen Länder ärmer und haben Unterstützung von den norddeutschen Ländern erhalten. Heute ist es genau anders herum, das ist richtige Solidarität.

Sie setzen sich selbst auch öffentlich, wie etwa auch der Trainer von Bayern München, Pep Guardiola, für ein freies Katalonien durch Selbstbestimmung ein. Warum?

1715 haben die Bourbonen (Felipe V.) zusammen mit der französischen Armee uns brutal erobert, dabei unser Land zerstört und unsere Verfassung und unsere Gesetze abgeschafft. Im Jahr 1931 machte unserer Präsident Francesc Maciá(ERC und Stifter der separatistischen Partei Etat Catalá), der die Mehrheit im Parlament von Katalonien hatte, eine öffentliche Bekanntmachung für einen unabhängigen katalanischen Staat. Die spanischen Republikaner dieser Zeiten haben die Bekanntmachung storniert. Wie viele alte spanische Kolonien in Afrika oder in Amerika wollten wieder zu Spanien gehören? Keine! Wir wollen einfach wieder frei werden, so wie früher, wie ein normales Land auf dieser Erde.

Am 9. November will die Regionalregierung ein Referendum über die politische Zukunft Kataloniens durchführen. Was können Sie uns dazu sagen? Glauben Sie, Katalonien hat die Kraft, ein eigener Staat zu werden?

Vor 20 Jahren waren wir, bzw. die Separatisten, eine Minderheit, aber heute sind wir eine starke Mehrheit. Wir haben auch eine große Mehrheit im Parlament von Katalonien für das Selbstbestimmungsrecht. Auf der Straße ist diese Mehrheit noch größer. Am 11. September 2013 waren wir fast zwei Millionen katalanischer Demonstranten für die Unabhängigkeit Kataloniens. Letzte Woche gab es in Barcelona am Katalonienplatz weniger als 50 spanische Kolonisten bzw. Demonstranten für die Bourbonen und für die Monarchie. Wir sollten am 9. November 2014 unsere Zukunft als Volk wählen, sonst gibt es keine Demokratie. Die ganze Welt sollte das verstehen. Wir haben mit einem Friedens- und Zivilprozess in Richtung Unabhängigkeit unseres Landes angefangen. Unser Volk hat die Kraft, ein unabhängiger Staat zu werden.

Noch eine letzte Frage am Rande: Sie waren bereits einige Male in Südtirol, zuletzt bei der Andreas Hofer Feier in Meran. Sehen Sie auch für Südtirol die Möglichkeit, frei zu werden?

An die Andreas Hofer Feier in Meran habe ich viele schöne Erinnerungen. Für Südtirol sehe ich auch die Möglichkeit, wieder frei zu sein. Es hängt nur vom Volk Südtirols ab. Nur davon. Das ist meine persönliche Meinung. Leider haben die meisten Politiker die Tendenz zum paktieren und damit wahrscheinlich nichts oder ganz wenig zu bewegen. Aber ein Friedens- und Zivilprozess mit der Unterstützung des Südtiroler Volkes würde in Südtirol keinen Halt kennen. Auch nicht vor dem Widerstand Italiens. Ein Beispiel: das deutsche Land Saarland. Sie machten in den 50´er Jahren ein Selbstbestimmungsreferendum mit der Unterstützung durch das Volk für die Unabhängigkeit von Frankreich. Sie haben das Referendum mit einer Mehrheit gutgeheißen und sind dann zurück nach Deutschland gewechselt. Was passierte? Nichts! Einfach so, sie sind wieder Deutsche, so wie sie sich auch fühlen. So sollte die Demokratie sein.

Herr Josep Maria Calabuig, Danke für das Gespräch.
Die Fragen stellte Roland Lang, Leitungsmitglied der SÜD-TIROLER FREIHEIT.

Zur Person: Mein Name ist Josep Maria Calabuig. Ich bin am 1. Mai 1975 in Barcelona geboren, stamme also aus Katalonien. Ich bin den Dipl.-Ing. in Kartopgraphie, Geodäsie und Städtebau an der Polytechnischen Universität von Valencia und außerdem bin ich ein Freund der Deutschen. Zur Zeit arbeite ich als Bauleiter bei einer deutschen Baufirma in Ulm (Süddeutschland) und wohne in einem kleinen bayrischen Dorf. Durch Kurse in den Jahren 1996/97 habe ich an der offiziellen Sprachschule von Barcelona angefangen Deutsch zu lernen. In meiner Freizeit spiele ich gerne Rugby, lese Bücher über geschichtliche Ereignisse und besteige Gebirge.

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