Folterbriefe - Teil 3

„Furchtbar, was ich sehen musste“ – Der Brief von Sepp Kerschbaumer

Allgemein, Schlagzeilen

60 Jahre Feuernacht: Die Süd-Tiroler Freiheit veröffentlicht anlässlich dieses Jubiläums ausgewählte Briefe von Freiheitskämpfern, die in den Kasernen der Carabinieri schwer gefoltert wurden.

In den Briefen schilderten die Freiheitskämpfer die brutalen Misshandlungen, die sie erleiden mussten. Sepp Mitterhofer, selbst schwer misshandelt, sagte einst: „Wenn man diese Briefe liest, so gewinnt man den Eindruck, man blättere in einem Drehbuch eines Horrorfilms. Das wäre weiter nicht schlimm. In diesem Fall ist es allerdings tragisch, weil es kein Roman ist, sondern nackte Wirklichkeit und es uns Südtiroler betrifft.“ Zwei Süd-Tiroler, Franz Höfler und Anton Gostner, starben an den Folgen der Folterungen. Viele trugen bleibende körperliche und seelische Narben davon. Die Folterknechte wurden für ihre Taten ausgezeichnet und befördert! Bis heute hat sich Italien für diese schweren Verbrechen nicht entschuldigt!

Die ausgewählten Briefe stammen aus dem Buch „Für die Heimat kein Opfer zu schwer / Folter – Tod – Erniedrigung: Südtirol 1961 -1969“. Das Buch von Dr. Helmut Golowitsch mit Hintergrundinformationen und vielen weiteren Folterbriefen kann im Webshop der Süd-Tiroler Freiheit erworben werden.

Der folgende Brief wurde vom Frangarter Gemischtwarenhändler und Kleinbauer Sepp Kerschbaumer an den damaligen Landeshauptmann Dr. Silvius Magnago geschrieben. Am 15. Juli 1961 wurde Kerschbaumer, der Gründer und Kopf des Befreiungsausschusses Südtirol (BAS). verhaftet und in die Carabinierikaserne von Eppan gebracht. Dort kam er in die Hände des Leutnants Luigi Vilardo..

Bozen, den 1.9.1961
Lieber Herr Doktor.
Es ist wohl an der Zeit, daß ich endlich auch einmal Ihnen genau erzähle, was man so alles in den ersten 7 Tagen beim Verhör, ausgeführt von den Carabinieri in Eppan erlebt hat. Eines muß ich vorwegnehmen. Wohl die wenigsten von uns hätten sich je im Traum einfallen lassen, daß es möglich wäre, daß die verhörenden Organe mit uns in so brutaler und in vielen Fällen offensichtlich so gehässiger Form umgehen würden. Möchte Ihnen somit, so gut ich eben noch alles in Erinnerung habe, ein Bild von den unvergesslichen Erlebnissen machen, von dem was ich an mir selbst erlebt habe, und was ich bei anderen Landsleuten mit ansehen mußte.
Mein erstes und das schlimmste Verhör, machte ich von meiner Gefangennahme an das war von Samstag 15. 7. früh 7 Uhr, mit ein paar Stunden Unterbrechung bis zirka 3 – 4 Uhr Früh des Sonntags.
Dauernd die Hände hoch halten das war das allgemeine Mittel, dem wohl vielleicht die wenigsten entgangen sein dürften. Und auf die Dauer von 15 – 16 Stunden die ich immer mit den Händen in der Höhe (Viele andere mußten diese eine der ärgsten Schikanen noch viel länger durchmachen) stehen mußte, wurde ich auch noch von den diensthabenden Carabinieri, mitunter auch vom Herrn Leutnant der Carabinieristation selbst, mit schweren Ohrfeigen, Faustschlägen in den Rücken und in die Brust bedacht.
Als dies alles nichts fruchtete wurde ich in den unteren Raum geführt wo man an mir noch die bekannte ‚casetta‘ ausprobieren wollte.

Nachdem aber bereits schwerwiegendes Material gegen mich bei den Carabinieri vorlag und ich aus der Tageszeitung Tags zuvor ersehen mußte, daß im Oberland schon viel aufgerollt war, gab ich das Schweigen auf. Nun mußte ich mich ja darauf gefaßt (machen), nachdem Ihnen klar wurde, daß ich allerhand wissen mußte, daß ich nun für die nächsten Tage auch nicht das beste zu erwarten hatte. So ging es auch wie ich befürchtet hatte, die ersten 4 Tage und Nächte durch (Die ersten zwei Tage auch ohne Essen und Trinken.) und mit wenig Schlaf. Zudem die dauernde Drohung mit neuerlichen Schikanen.
Was ich bei anderen Kameraden sehen mußte, war einfach furchtbar. In 3 Fällen hatte ich die betreffenden einfach nicht mehr erkannt, und erkannte sie erst wieder, als sie mir ihren Namen sagten. Das so lange stehen – Hände hoch, die vielen Schläge, zum Teil auch mit einem Eisen, Fußtritten in die Schienbeine und dergleichen alle diese Mißhandlungen, machten viele Kameraden unkenntlich.
Was die bekannte ‚casetta‘ wurde der betreffende mit nacktem Körper auf dem Rücken liegend (die Kiste war zirka 40 x 60 mit dem offenen Teil obenauf) auf die Kiste gelegt, was an sich schon schmerzlich allein sein muß, und wurde ihnen dann noch Salzwasser oder weiß Gott was das war eingeschüttet.
Was ich selbst oft erlebte, war das ausgesprochen gemeine Verhalten in bezug auf das, was einem an Gemeinheiten und Vorwürfen ins Gesicht geschleudert wurde und dies alles geschah im Namen der Freiheit und der Demokratie.
Mit den besten Grüßen
Sepp Kerschbaumer

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