Die aktuellen Berichte in den Dolomiten anlässlich des 100-jährigen Jahrestages des königlichen Dekrets zur Italianisierung der Südtiroler Familiennamen sind überraschend ausführlich und sachlich. Historiker schildern nüchtern und objektiv, wie tiefgreifend dieses faschistische Unrecht war und unter welchem staatlichen Druck Tausende Südtiroler gezwungen wurden, ihre Namen zu verändern.
Viele Leser werden sich beim Lesen gedacht haben: Verrückt, was damals passiert ist! Wie kann man Menschen einfach ihre Familiennamen nehmen? Gut, dass dieser Unsinn später rückgängig gemacht wurde!
Diese Reaktion ist verständlich – greift aber zu kurz. Was in den Berichten zwar erwähnt wird, im öffentlichen Bewusstsein aber bis heute verdrängt bleibt, ist ein entscheidender Punkt: Mit den Südtiroler Orts- und Flurnamen ist exakt dasselbe geschehen – nur früher, systematischer und bis heute ohne echte Korrektur. Die Italianisierung begann nicht erst bei den Familiennamen, sondern bereits Jahre zuvor bei der Landschaft selbst. Symbolisch dafür steht die Umbenennung von Südtirol in „Alto Adige“, ein bewusst gewählter, imperialistischer Kampfbegriff des Faschismus, der jede Erinnerung an Tirol auslöschen sollte.
Auch bei den Familiennamen wird in den Berichten korrekt festgehalten, dass die Italianisierung formal zunächst „freiwillig“ war, faktisch jedoch durch massiven staatlichen Druck erzwungen wurde. Wer sich widersetzte, dem drohten berufliche Nachteile oder der Entzug von Hilfsgeldern. Viele Leser werden auch hier zu Recht denken: Das ist Erpressung!
Doch genau hier liegt die unbequeme Parallele zur Gegenwart. Bei den Orts- und Flurnamen ist der Druck bis heute Realität. Südtiroler Vereine und Organisationen werden angehalten, ihre Veranstaltungen nicht nur auf Deutsch, sondern auch auf Italienisch zu bewerben – samt Verwendung der italianisierten Orts- und Flurnamen. Wer sich dem verweigert, riskiert den Verlust öffentlicher Förderungen. Ähnlicher „sanfter Zwang“ zeigt sich bei der Beschilderung von Wanderwegen. Der Mechanismus ist derselbe geblieben, nur die Sprache ist eine andere.
Es bleibt zu hoffen, dass die aktuelle Berichterstattung doch den einen oder anderen zum Nachdenken bringt. Denn sie zeigt – vielleicht unbeabsichtigt – vor allem eines: Das faschistische Kulturverbrechen der Italianisierung ist nur teilweise rückgängig gemacht worden. Während Familiennamen weitgehend rehabilitiert wurden, sind die italianisierten Orts- und Flurnamen bis heute allgegenwärtig und werden nicht selten sogar verteidigt oder relativiert.
Die modernen Tolomeis sitzen dabei längst nicht mehr offen ideologisch auf der Bühne. Sie wirken heute oft aus Verwaltung, Politik und Institutionen heraus – nicht selten vordergründig im Namen von Ausgleich und Pragmatismus. Doch die Grundfrage bleibt dieselbe: Namen – ob von Menschen oder von Orten – sind Teil unserer Identität und grundsätzlich nicht übersetzbar. Ihre Übersetzung bedeutet immer auch eine Manipulation von Geschichte, Sprache und Siedlungsraum.
Wer bei „Alto Adige“ beginnt und bei den Flurnamen aufhört, verteidigt letztlich ein imperialistisches Denkmodell, das längst überwunden sein sollte. Eine ehrliche Aufarbeitung der Geschichte darf daher nicht bei den Familiennamen enden.
Dr. Cristian Kollmann, Sprachwissenschaftler
Süd-Tiroler Freiheit



