Sprachbarometer

Deutsche und Ladiner lehnen mehrsprachige Ortsnamen mehrheitlich ab

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Deutsche und Ladiner lehnen mehrsprachige Ortsnamen mehrheitlich ab

Die jüngste Schriftenreihe (244) des Südtiroler Sprachbarometers beinhaltet eine Umfrage zur Toponomastik. Die Ergebnisse zeigen ein deutliches Bild: In der deutschen Sprachgruppe lehnen 75 Prozent eine durchgehend zwei- oder dreisprachige Ortsnamengebung ab, während sich lediglich 25 Prozent dafür aussprechen. Auch in der ladinischen Sprachgruppe findet die mehrsprachige Ortsnamengebung keine Mehrheit: 53 Prozent sind dagegen, 47 Prozent befürworten sie. Demgegenüber zeigt sich bei der italienischen Sprachgruppe ein völlig anderes Bild: lediglich 7 Prozent lehnen eine mehrsprachige Ortsnamengebung klar ab, 53 Prozent sprechen sich dafür aus.

Historisch fundierte Namen versus ideologisch aufgeladene Konstruktionen

Die Zahlen belegen eindrucksvoll, dass gerade jene Sprachgruppen, deren Orts- und Flurnamen historisch fundiert und kulturell verankert sind, einer flächendeckenden Mehrsprachigkeit kritisch gegenüberstehen. Die italienische Sprachgruppe hingegen hat mit der mehrsprachigen Ortsnamengebung weitgehend kein Problem. Dies ist wohl auch darauf zurückzuführen, dass es speziell bei dieser Sprachgruppe an umfassendem Wissen über die Entstehungsgeschichte und die wahre Intention der italienischen Orts- und Flurnamen mangelt. Tatsache ist: Der überwiegende Teil dieser Namen wurde nicht historisch überliefert, sondern in der faschistischen Zeit aus imperialistischen Überlegungen heraus konstruiert. Sie sind ideologisch aufgeladen und dienen bis heute einem manipulativen Zweck – nämlich den Eindruck einer flächendeckenden historischen Italianität Südtirols vorzutäuschen, die es nie gab und auch heute nicht gibt.

Landesregierung bleibt Informationsarbeit schuldig

Es ist daher Aufgabe der Südtiroler Landesregierung, diese historischen Fakten endlich umfassend zu vermitteln. Ein entsprechender Antrag der Süd-Tiroler Freiheit wurde bereits vor Jahren im Landtag angenommen, doch wurde er nicht umgesetzt. Der Beschluss vom 13. Januar 2016 forderte die Landesregierung auf, eine „Informationskampagne über Toponomastik“ zu entwickeln, um die Bevölkerung über die historischen, wissenschaftlichen und sprachpolitischen Aspekte der Ortsnamengebung aufzuklären. Zehn Jahre sind vergangen, ohne dass diese Informationsarbeit geleistet wurde.

Fragestellung des Sprachbarometers greift zu kurz

Gerade weil diese notwendige Aufklärungsarbeit bislang ausgeblieben ist, muss auch das Sprachbarometer selbst kritisch betrachtet werden. Die Umfrage hätte zumindest neutral darüber informieren müssen, dass der Begriff Mehrsprachigkeit in der Toponomastik differenziert betrachtet werden muss, weil ein großer Teil der italienischen Orts- und Flurnamen erst unter dem Faschismus eingeführt wurde und folglich auf einer anderen Stufe steht als die authentischen Namen. Erst mit diesem Hintergrundwissen, das eine differenzierte Sichtweise eröffnet, wäre eine wirklich fundierte Beurteilung der mehrsprachigen Ortsnamengebung möglich gewesen. Ohne diesen Kontext werden politisch aufgesetzte und auferlegte und nur zum Schein italienische Orts- und Flurnamen fälschlich auf eine Ebene mit geschichtlich verankerten deutschen, ladinischen und echten italienischen Namen gestellt.

„Tatsächlicher Gebrauch“ als irreführendes Argument

Auch das oft vorgebrachte Argument, der tatsächliche Gebrauch solle in der Frage der Amtlichkeit eines italienischen Orts- und Flurnamens entscheidend sein, relativiert sich dadurch erheblich. Denn gerade der Zweck dieser konstruierten Toponyme war es, sie systematisch durchzusetzen und der Bevölkerung überall vorzusetzen, damit sie sich langfristig daran gewöhnt. Es kann nicht sein, dass diese Politik der kulturellen Zwangsbeglückung im Nachhinein auch noch belohnt wird!

Aussagekräftiges Ergebnis trotz fehlender Aufklärung

Umso bemerkenswerter ist das Ergebnis der Umfrage: Selbst ohne diese entscheidenden Hintergrundinformationen lehnt die überwältigende Mehrheit der deutschen Sprachgruppe und auch die Mehrheit der ladinischen Sprachgruppe die mehrsprachige Ortsnamengebung ab. Wäre der historische und namenspolitische Kontext Teil der Befragung gewesen, wäre das Resultat mit Sicherheit noch eindeutiger ausgefallen. Interessant wäre zudem zu erfahren, ob sich auch in der italienischen Sprachgruppe bei entsprechender Aufklärung eine Mehrheit für die authentische Toponomastik aussprechen würde – zu der selbstverständlich auch rund 200 historisch belegte italienische Orts- und Flurnamen gehören.

Dr. Cristian Kollmann
Sprachwissenschaftler mit Schwerpunkt Toponomastik
Landtagsklub Süd-Tiroler Freiheit

Cristian Kollmann, Faschismus, Ortsnamengebung, Sprachbarometer, Toponomastik, Umfrage
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