Unser Landtagsabgeordneter Hannes Rabensteiner nimmt ausführlich Stellung zur aktuellen Diskussion rund um die Verwendung seines Villanderer Dialekts im Landtag. Dabei bedauert er, dass der Sachverhalt falsch dargestellt wird, und dadurch sich die Debatte in die völlig falsche Richtung entwickelt hat.
Kritik an Einschränkungen und „historischen Rückschritten“
Hannes Rabensteiner bezeichnet es als „äußerst fragwürdig“, wenn der deutschen Sprachgruppe von den Italienern vorgeschrieben werde, wie sie im Landtag zu sprechen habe. Für ihn erinnere die Situation „an das Jahr 1921“.
Die deutsche Sprache ist in unserem Land weit mehr als ein Kommunikationsmittel – sie ist identitätsstiftend, ein Spiegel der Kultur, historisch hart umkämpft und ein unverzichtbarer Teil. Ihr Erhalt ist eine Notwendigkeit für die Zukunft. Was jedoch dabei übersehen wird: auch unser Tiroler Dialekt ist Teil der deutschen Sprache und ist besonders hierzulande ein wesentlicher Teil unserer Identität. Er verbindet uns mit unserer Heimat, unserer Geschichte und unseren Vorfahren. Das Argument, dass der Dialekt die deutsche Schriftsprache verdirbt oder gar mit dieser in Konkurrenz steht – so möchten es einige sehen – ist übrigens nicht haltbar. Unsere Muttersprache ist Deutsch, von dem es zwei Varianten gibt: der Dialekt ist die erste Sprache, mit der wir in Berührung kommen, die deutsche Schriftsprache ist die Sprache der Bildung, und, anders als früher, lernen sie heutzutage die Kinder schon früh durch die Medien kennen. Weder die eine noch die andere Variante von unserer deutschen Muttersprache soll vernachlässigt werden!
Jenen, die das Dialektsprechen verbieten wollen, geht es nicht nur gegen den Dialekt, sondern auch grundsätzlich gegen alles Tirolerische. Dies zeigte sich deutlich an der Kritik am Schriftzug „Tirol“, der anlässlich der olympischen Winterspiele aufgestellt wurde, und eine Anzeige zur Folge hatte. Da muss man sich schon fragen, in welchem Jahrhundert wir leben!
Manche Politiker, auch die Medien, setzen offenbar mehr auf die Form als auf den Inhalt. Doch es kommt eben nicht darauf an, wie man etwas sagt, sondern was man sagt! Es drängt sich das Bild auf, dass eine politische und mediale „Bildungsschicht“ am liebsten unter sich bleiben möchte und die einfachen Menschen aus dem parlamentarischen Betrieb mit Sprachvorschriften möglichst fernzuhalten. Man soll kuschen und sich unterwerfen.
Verständnisprobleme, die keine sind
Ein zentraler Kritikpunkt betrifft die angebliche mangelnde Verständlichkeit meiner Reden. Dies weise ich als nichtzutreffend klar zurück: Italienische Mandatare nutzen ohnehin durchgehend die Simultanübersetzung – unabhängig davon, ob Hochdeutsch oder Dialekt gesprochen wird.
Ausnahmslos alle italienischen Abgeordneten brauchen eine Übersetzung – von morgens bis abends. Auch aus dem Übersetzungsdienst selbst bekommt er regelmäßig die Rückmeldung, dass sein Dialekt problemlos verständlich sei.
Dialekt als Teil der Identität
Der Dialekt spiegelt unter anderem unsere Identität und Heimat in Südtirol wider. Es heißt immer so schön: „Heimat ist dort, wo man sich nicht erklären braucht und wo man verstanden wird“. Und mittlerweile kommt es mir vor, dass wenn jemand in Südtirol bodenständig ist, zu seiner Identität steht und Dialekt redet, er nicht mehr von allen verstanden wird. Und dass er plötzlich anfangen muss, sich zu rechtfertigen und zu erklären. Ich stelle mir da schon die Frage, wie lange dieses Land dann noch die Heimat von uns deutschen Südtirolern ist.
Wie vielen ist bewusst, dass der Dialekt historisch sogar älter ist als die Hochsprache? Dennoch bekenne ich mich klar zur Bedeutung des Hochdeutschen als Bildungs- und Schriftsprache. Sie muss insbesondere in den Südtiroler Schulen gefördert und gepflegt werden.
Das ist eine Lüge
Der gegen mich erhobene Vorwurf, dass ich mich weigern würde, Hochdeutsch zu sprechen, weise ich entschieden zurück, denn er ist schlichtweg eine „Lüge“. Ich verweise darauf, dass schriftliche Anträge und offizielle Reden von mir ausschließlich auf Hochdeutsch verfasst sind. Als Beispiel sei meine heurige Andreas-Hofer-Gedenkrede in Mantua genannt, die man im Internet nachschauen kann oder auch andere Festreden.
Auch der Kritik, ich würde Jugendlichen ein falsches Sprachbild vermitteln, halte ich dagegen: Ich fordere niemanden auf, nur noch Dialekt zu sprechen und die Schriftsprache, das Hochdeutsche zu verweigern – ich sage, dass jeder seinen Dialekt mit Stolz sprechen sollte und er auch im Landtag seinen Platz haben sollte.
Scharfe Kritik an Kollegen aus allen politischen Lagern und an die Medien
Medien behaupten, ich würde in meinen Redebeiträgen im Landtag im tiefen Villanderer Dialekt sprechen. Wahrscheinlich sind dies Journalisten, die entweder keinen Dialekt sprechen oder ganz einfach die Dialektdebatte ausnutzen wollen, um meiner politischen Person zu schaden. Ihr Plan ist es offensichtlich, der Bevölkerung signalisieren zu wollen, dass einfache Menschen in der Politik nichts verloren hätten. Doch das wird ihnen nicht gelingen. Eine derartige Medienpräsenz würde ich mir einmal bei wichtigen Themen wünschen, z.B. die Einhaltung der Zweisprachigkeitspflicht, worüber vor kurzem auf meine Initiative hin im Landtag diskutiert wurde.
Meine Kritik gilt auch den politischen Lagern innerhalb der deutschen Volksgruppe. Es ist äußerst bedenklich, wenn Vertreter von deutschen Parteien den Dialekt nicht mehr als Muttersprache ansehen. Für mich ist selbstverständlich: Meine Muttersprache ist eine Kombination aus Dialekt und Hochsprache.
Der größte Unsinn in der gesamten Debatte kam jedoch aus dem Lager der Freiheitlichen, die behaupten, dass ich der deutschen Sprache schaden oder sie gar auslöschen wolle. Dieser Vorwurf ist an Dummheit nicht zu überbieten. Mir kommt es so vor, als seien diese Menschen in der Vergangenheit nicht Teil unserer Heimat gewesen und hätten meinen Einsatz für das Deutsch- und Tirolertum nicht mitbekommen, oder wollen ihn mir mit ihren Lügen und falschen Darstellungen einfach aberkennen – frei nach dem Motto: erzähle eine Lüge so lange, bis sie geglaubt wird. Menschen, die mich schon länger kennen, können nur noch den Kopf schütteln.
Wenn jemand der deutschen Sprache Schaden zufügt, dann sind es doch jene, die bei jeder Gelegenheit mit Anglizismen, Italianismen und Gendersprache um sich schmeißen und dabei insbesondere die ältere Generation, die noch mit einem korrekten und verständlichen Deutsch aufgewachsen ist, diskriminieren. Auch sind genau jene Personen die ersten, die bei einem anderssprachigen Gesprächspartner gerne dessen Sprache annehmen und die eigene deutsche Sprache in den Hintergrund rücken. Vor allem unter Akademikern deutscher Muttersprache zeigt sich dieses Phänomen des Verpönens des eigenen Dialekts – bis hin zur eigenen Sprachverleugnung, wenn sie es in Südtirol mit Italienern zu tun haben.
Ich bin zutiefst überzeugt, dass es in der laufenden Legislaturperiode keinen einzigen Abgeordneten geben wird, der mehr für den Erhalt der deutschen Sprache im öffentlichen Dienst getan hat als ich selbst – jedoch wird dies von jenen, die mich anfeinden, die Medien miteingeschlossen, bewusst verschwiegen.
Den Aussagen von Landesrat Christian Bianchi muss ich ebenfalls scharf widersprechen. Dieser hat meinen Dialekt im Landtag als respektlos bezeichnet. In Wirklichkeit ist es jedoch genau umgekehrt: Respektlos ist vielmehr, dass Teile der italienischen Sprachgruppe auch nach Jahrzehnten die deutsche Sprache nicht ausreichend beherrschen. Die Italiener in Südtirol haben im Allgemeinen eine negative Haltung dem Dialekt gegenüber. Laut einer Umfrage stört es 36 Prozent der Italiener, wenn Deutsche im Dialekt sprechen. Der Grund liegt auf der Hand: Sie beherrschen meist weder die deutsche Schriftsprache ausreichend noch den Tiroler Dialekt. Auch die Kritik Bianchis, dass es auch nicht ginge, wenn auch die Italiener im Dialekt sprechen würden, hinkt in zweifacher Hinsicht: Erstens, die Italiener in Südtirol sprechen keinen Dialekt, weil es in Südtirol, mit ein paar wenigen Ausnahmen südlich von Bozen, historisch keinen italienischen Dialekt gibt. Zweitens, selbst wenn diese Italiener den Dialekt ihrer Herkunftsprovinz sprechen würden, kann er nicht mit unserem Deutschtiroler Dialekt, der hier seit Jahrhunderten verwurzelt ist, auf eine Stufe gestellt werden.
Sorge um kulturelle Entwicklung
Auch möchte ich vor einer generellen Abwertung des Dialekts warnen. Entwicklungen in Deutschland und anderen Regionen zeigen, dass unsere Dialekte hier zunehmend zu verschwinden drohen.
Dabei verweise ich auch auf politische Initiativen in Deutschland und Österreich zur Förderung regionaler Sprachformen. Der Dialekt darf nicht – wie es manche Medien gerne machen würden – als Sprache des Pöbels und der Unverständlichkeit abgewertet werden.
Abschließend möchte ich noch klarstellen, dass ich meinen Stil nicht ändern werde. Als Handwerker und nicht als Akademiker gewählt, sehe ich mich als authentischer Vertreter des Volkes: „Der Dialekt ist die Sprache des Volkes. So wurde ich gewählt und so bleibe ich auch.“
Die aktuelle Debatte zeichnet insgesamt ein falsches Bild und lenkt von wichtigeren Themen ab. Für mich steht deshalb fest: Der Dialekt muss auch in der politischen Debatte seinen Platz behalten.
Ein bekannter bayerischer Schriftsteller sagte einmal: „Die wahre Heimat ist die Sprache, wenn man die Sprache verlässt, verlässt man die Heimat.“
Hannes Rabensteiner, Landtagsabgeordneter der Süd-Tiroler Freiheit


