Landtagsanfrage kommt

Widerstand gegen neues Patientenprogramm im Sanitätsbetrieb

Allgemein
Allgemein
Landtagsanfrage kommt

Widerstand gegen neues Patientenprogramm im Sanitätsbetrieb

Im Südtiroler Sanitätsbetrieb regt sich zunehmend Widerstand gegen die geplante flächendeckende Einführung des neuen Patientenverarbeitungsprogramms „NGH“. Das Programm wird bislang unter anderem am Krankenhaus Bozen eingesetzt und soll künftig in allen Krankenhäusern das bisher verwendete und bewährte System „IKIS“ ersetzen.

Aus den Reihen des Gesundheitspersonals kommt massive Kritik. Das neue Programm sei unübersichtlich und gehe an den Anforderungen des ärztlichen und pflegerischen Alltags vorbei. Die Dokumentation koste unnötig Zeit. Zahlreiche Klicks, zusätzliche Arbeitsschritte und lange Ladezeiten erschwerten die tägliche Arbeit. Gleichzeitig würden wichtige Informationen in der Benutzeroberfläche in den Hintergrund rücken. Nach Angaben der Anwender sei ein effizientes Arbeiten kaum noch möglich. Der Zeitaufwand pro Patient verdopple sich, sodass das derzeitige Patientenaufkommen nicht mehr bewältigt werden könne. Zudem sei das Programm nach Angaben mehrerer Nutzer nicht vollständig zweisprachig umgesetzt.

Der Sanitätsbetrieb begründet die Ablösung von IKIS damit, dass das bisherige Programm den heutigen Datenschutzanforderungen nicht mehr entspreche. Diese Darstellung wird jedoch bestritten. Nach Angaben des Chefentwicklers von IKIS sei der Vorwurf inzwischen widerlegt worden.

Die Unzufriedenheit innerhalb der Belegschaft hat inzwischen ein erhebliches Ausmaß erreicht. Aus einzelnen Abteilungen ist von Boykottüberlegungen die Rede. Zudem sollen mehrere leitende Mitarbeiter angekündigt haben, ihre Funktion niederzulegen, falls das neue System verpflichtend eingeführt wird. Auch ein offener Brief an Landesrat Hubert Messner befindet sich nach Angaben aus dem Umfeld der Betroffenen in Ausarbeitung.

„Es stellt sich unweigerlich die Frage, warum der Sanitätsbetrieb eine Software ankauft, die den Anforderungen des medizinischen Alltags offensichtlich nicht gerecht wird“, erklärt Dr. Andreas Tutzer, freiberuflicher Arzt in Süd-Tirol und Mitglied des Hauptausschusses der Süd-Tiroler Freiheit. Er kennt sowohl IKIS als auch NGH aus seiner Zeit im öffentlichen Sanitätsbetrieb. Die unzureichende Digitalisierung war für ihn einer der Gründe, den öffentlichen Gesundheitsdienst zu verlassen.

„Es gibt zahlreiche Programme, die benutzerfreundlicher und praxistauglicher sind als das neue System. NGH erweckt den Eindruck, vor allem für Verwaltungsabläufe und nicht für den medizinischen Alltag entwickelt worden zu sein. Hier wird eine Verschlimmbesserung eingeführt, ohne Ärzte und Pflegepersonal ausreichend einzubeziehen“, betont Dr. Tutzer.

Für die Süd-Tiroler Freiheit ist zudem unverständlich, warum an der Einführung des Programms festgehalten wird, obwohl sich ein erheblicher Teil der Belegschaft dagegen ausspricht.

Die Süd-Tiroler Freiheit wird deshalb eine Landtagsanfrage einbringen, um die Hintergründe der Beschaffung und Einführung von NGH aufzuklären. Im Mittelpunkt stehen die Entscheidungsprozesse, die Auswahlkriterien und die Einbindung der betroffenen Berufsgruppen. Anlass geben auch Erfahrungen aus der jüngeren Vergangenheit. Damals wurden im Zusammenhang mit einem ähnlichen Softwareprojekt mögliche Verbindungen zwischen dem Lizenzinhaber und Verwaltungsmitarbeitern öffentlich diskutiert. Die Landtagsanfrage soll größtmögliche Transparenz schaffen und eine Neubewertung der Einführung des Systems anstoßen.

Dr. Andreas Tutzer, Arzt und Hauptausschussmitglied der Süd-Tiroler Freiheit.

Andreas Tutzer, Bürokratie, Gesundheitswesen, IKIS, Informatik, SABES, Sanität
Süd-Tirol braucht konkrete Schritte statt Prestigeprojekte

Das könnte dich auch interessieren