Am 4. November begeht Italien den sogenannten „Tag der nationalen Einheit und der Streitkräfte“ und erinnert damit an das Ende des Ersten Weltkrieges. Was im italienischen Staatsverständnis als Vollendung der „nationalen Einheit“ gefeiert wird, markiert für Süd-Tirol jedoch den Beginn der Fremdbestimmung, die zur Teilung Tirols, zur Annexion Süd-Tirols durch Italien und zur gezielten Unterdrückung unseres Landes führte.
Italien hat 1915 aus eigenem Entschluss einen Angriffskrieg gegen Österreich-Ungarn begonnen, um sich fremde Gebiete anzueignen, auf die es keinen Anspruch hatte und die nie zu Italien gehörten. Hunderttausende Menschen bezahlten diesen Krieg mit ihrem Leben.
„Ein Angriffskrieg ist kein Grund zum Jubeln. Auch dann nicht, wenn die Strategie des Angreifers letztlich aufgeht und er daraus einen territorialen Gewinn zieht. Für Süd-Tirol gibt es daher am 4. November nichts zu feiern!“, so der Landtagsabgeordnete der Süd-Tiroler Freiheit, Sven Knoll.
Dabei darf auch nicht der Eindruck erweckt werden, Italien habe das heutige Süd-Tirol in einer siegreichen militärischen Offensive erobert. Die Tiroler Landesverteidigung hielt der italienischen Armee bis zum letzten Kriegstag stand. Das Gebiet des heutigen Süd-Tirols bis zum Brenner wurde erst nach dem Waffenstillstand von italienischen Truppen besetzt. Die endgültige Abtrennung Süd-Tirols von Österreich wurde anschließend am Verhandlungstisch besiegelt und am 10. Oktober 1920 vollzogen.
Besonders unter dem Faschismus wurde der 4. November massiv für nationalistische Propaganda instrumentalisiert und in die staatliche Sieges- und Machtinszenierung des Regimes eingebunden. In Süd-Tirol war diese Symbolik besonders perfide, da der italienische Staat die Gedenkfeiern dafür verwendete, um die Teilung Tirols und die Herrschaft Italiens über die deutsch- und ladinischsprachige Bevölkerung Süd-Tirols zu glorifizieren. Doch auch nach dem Ende des Faschismus verschwand diese politische Belastung nicht. Das demokratische Italien hielt seine offiziellen Feierlichkeiten in Bozen jahrzehntelang ganz bewusst vor dem faschistischen Siegesdenkmal ab. Noch bis in die 1990er-Jahre wurde dort alljährlich der 4. November begangen, obwohl der faschistische Charakter dieses Denkmals mit seinen Liktorenbündeln, seiner Siegesarchitektur und seiner kolonialistischen Botschaft unübersehbar war. Damit wurde ein Monument, das Mussolini zur Verherrlichung des Sieges über Österreich und zur Demonstration des italienischen Herrschaftsanspruches in Süd-Tirol errichten ließ, auch in der demokratischen Republik weiterhin als Kulisse staatlicher Feierlichkeiten verwendet.
Der 4. November ist in Süd-Tirol nicht nur historisch, sondern auch politisch schwer belastet. Wer diesen Tag hierzulande unkritisch als Fest der „nationalen Einheit“ begeht, blendet damit gezielt die Verbindung mit nationalistischer und faschistischer Symbolik aus.
Die Süd-Tiroler Landesregierung ist deshalb aufgerufen, sich nicht an nationalistischen Siegesfeiern zu beteiligen. Auch die Bürgermeister des Landes sollten nicht an den Feierlichkeiten teilnehmen und schon gar nicht mit einer Trikoloreschleife auftreten. „Politische Vertreter unseres Landes müssen sich der historischen Bedeutung dieses Tages und ihrer politischen Verantwortung bewusst sein. Der 4. November ist für unser Land kein Feiertag! In Süd-Tirol steht dieses Datum für die Teilung Tirols und für den Beginn einer Entwicklung, die später in Faschismus und gewaltsamer Italianisierung mündete“, so Sven Knoll.
Besonders unerträglich wäre es, wenn neofaschistische Gruppierungen den 4. November erneut dazu missbrauchen würden, um vor dem faschistischen Siegesdenkmal in Bozen mit Aufmärschen oder Spruchbändern den Krieg, den Faschismus oder die Unterdrückung Süd-Tirols zu verherrlichen. Die Sicherheitsbehörden sind daher aufgefordert, genau hinzusehen und jede Form verbotener faschistischer Propaganda konsequent zu unterbinden. Erst 2024 wurde am Siegesplatz erneut ein Spruchband der neofaschistischen Gruppierung CasaPound mit der Aufforderung angebracht, den „Sieg“ des 4. November zu ehren. Solche Provokationen dürfen sich nicht wiederholen!
Das Bozner Siegesdenkmal ist selbst ein Relikt faschistischer Macht- und Unterwerfungspolitik. Es darf nicht zur Bühne für jene werden, die diese Ideologie heute wieder verherrlichen wollen.
„Der 4. November sollte nicht dazu dienen, militärische Angriffskriege und territoriale Eroberungen zu feiern. Er sollte vielmehr Mahnung sein, wohin Nationalismus, Krieg und die Missachtung des Selbstbestimmungsrechtes führen können“, betont Knoll abschließend.
Sven Knoll, Landtagsabgeordneter der Süd-Tiroler Freiheit




